500.000 Jahre in die Vergangenheit

24.11.2010 (18:34) von | Kategorie: Natur
Die Bohrbarke mit Bohranlage mitten im Toten Meer. (Foto: Deutsches GeoforschungsZentrum, ICDP)

Die Bohrbarke mit der Bohranlage auf dem Toten Meer. (Foto: Deutsches GeoForschungsZentrum, ICDP)

EIN GEDI/POTSDAM (im) – Seit heute werden wissenschaftliche Bohrungen im Toten Meer durchgeführt, die bis zu 500.000 Jahre alte Schlamm- und Sedimentschichten aus bis zu 500 Metern Tiefe ans Tageslicht befördern sollen. „Die Bohrkerne sind ein perfektes Archiv von Dürren und Überschwemmungen und auch den unterschiedlichen klimatischen Bedingungen – wir können darin lesen wie in einem Buch“, sagt Ulrich Harms. Der Potsdamer Wissenschaftler ist Sekretär des „International Continental Scientific Drilling Program“, dem Hauptfinanzier des 40-tägigen Projektes.

Der erste Bohrkern: zu erkennen ist die dicke Salzschicht, die den Boden des Toten Meeres bildet. (Foto: Deutsches GeoforschungsZentrum, ICDP)

Der erste Bohrkern: Zu erkennen ist die dicke Salzschicht, die den Boden des Toten Meeres bedeckt. (Foto: Deutsches GeoForschungsZentrum, ICDP)

Für Israel ist das Vorhaben eine wissenschaftliche Superlative: 40 israelische und internationale Wissenschaftler werden an dem 2 Millionen US-Dollar teuren Projekt der geologischen Vergangenheit auf den Grund gehen. Sie erhoffen sich Aufschluss über die klimatischen Bedingungen der Vorzeit, um weitere Sicherheit im Umgang und der Vorhersage von Klimaänderungen zu erreichen.

Die Einzigartigkeit des Projektes liegt auch in der außerordentlichen Position des abflusslosen Toten Meeres 420 m unter dem Meeresspiegel, durch die jeglicher Eintrag in den See – auch die Sedimentfracht des Jordan – als Zeugnis früherer Umweltereignisse erhalten bleibt.

Mit einer solchen Bohrkrone wird der Bohrer 500 Meter unter das Tote Meer vordringen. (Foto: Deutsches GeoForschungsZentrum, ICDP)

Mit einer solchen Bohrkrone wird der Bohrer 500 Meter unter das Tote Meer vordringen. (Foto: Deutsches GeoForschungsZentrum, ICDP)

Für die Arbeiter vor Ort wird es eine physische Herausforderung, denn gebohrt wird in 12-Stunden-Schichten. Jeder Bohrkern ist ein Unikat von drei Metern Länge und 6 Zentimetern Durchmesser, die vorsichtig aus dem Bohrgestänge geborgen werden, markiert werden und bei 4°C gelagert werden müssen. Zur kompletten Abdeckung des erbohrten Profilst wird eine Parallelbohrung durchgeführt. Mit dem eingesetzten Bohrgerät können maximale Gesamttiefen (in 293 m Wassertiefe) bis zu 1500 Metern erreicht werden. Aufgrund der wechselnden Salz- und Tonschichten am Boden des Toten Meeres wird der Bohrvorgang langsam vorangehen. So soll aber immerhin eine Tiefe von 500 Metern im Seeboden erreicht, zuzüglich 293 Metern Wassertiefe an dieser Stelle des Toten Meeres. Endgültig eingelagert werden die Bohrkerne an der Universität Bremen bei 4 Grad Celsius; von dort aus werden sie Forschern aus aller Welt zur Verfügung gestellt.

Geologen können durch solche Sedimentverwerfungen Erdbeben erkennen und zeitlich lokalisieren. (Foto: Deutsches GeoForschungsZentrum, ICDP)

Geologen können durch solche Sedimentverwerfungen Erdbeben erkennen und zeitlich lokalisieren. (Foto: Deutsches GeoForschungsZentrum, ICDP)

Mordechai Stein und Zvi Ben-Avraham, der seit über 30 Jahren das Tote Meer erforscht, sind die Leiter des Projektes, das seit 10 Jahren geplant wird aber durch die politischen Differenzen zwischen Palästinensern und Israelis immer wieder zurückgestellt werden musste. Heute arbeiten grenzüberschreitend unter anderem israelische, palästinensische sowie jordanische Forscher an diesem Projekt. Weitere beteiligte Länder sind Deutschland, die Schweiz, Norwegen, Japan und die USA.

Die Wissenschaftler erwarten aus den detaillierten Untersuchungen auch neue Erkenntnisse über Veränderungen in der Vegetation in dieser Region.Anthropologen nehmen an , dass der frühe Mensch auf seinen Weg aus Afrika nach Asien und Europa m durch das frühere Becken des Toten Meeres gezogen ist; Spuren unserer Vorfahren sind womöglich im Seesediment zu finden.

(Matthias Hinrichsen)

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