Die Tora als Buch.

Die Tora in moderner, gedruckter Form als Buch. (© Matthias Hinrichsen)

Die Tora besteht aus den fünf Büchern Mose, die wiederum in mehrere Kapitel aufgeteilt sind. Das Hebräische Wort Tora heißt übersetzt Lehre oder Weisung. Sie ist für Juden in aller Welt die Basis von Weisheit und Glauben. Die Tora ist der erste Teil des Tanach (die hebräische Bibel), weitere sind die Neviim – die Bücher der Propheten – und die Ketubim, die poetischen Texte wie Erzählungen, Sprüche und Chroniken. 

Handgeschriebene Torarollen werden in einem Toraschrein aufbewahrt, um sie vor fremden Blicken zu schützen. (© Matthias Hinrichsen)

Handgeschriebene Torarollen werden in einem Toraschrein aufbewahrt, um sie vor fremden Blicken zu schützen. (© Matthias Hinrichsen)

Tora – kein altes Testament

Christen sehen in der Tora in erster Linie das Alte Testament. Da das Neue Testament bei Juden keine Rolle spielt, unterscheiden sie auch nicht zwischen Altem und Neuen Testament. Die Schreibweise des Wortes Gottes weicht bei Juden von der allgemein gebräuchlichen ab. Aus Ehrfurcht vor Gott, sprechen sie das Wort Gott nicht aus und ersetzen im Schriftlichen den Vokal „o“ durch einen Strich: „G-tt“, was haSchem (der Name) oder der Ewige bedeutet. Die fünf Bücher Mose werden auf Hebräisch als chamischa chumsche tora bezeichnet, die Fünftel der Tora.

Toraschreiber bei der Anfertigung einer handgeschriebenen Tora.

Toraschreiber (Sofer) bei der Anfertigung einer handgeschriebenen Sefertora. (© Matthias Hinrichsen)

Tora – nur eine Ausführung

Bei Funden historischer Torarollen hat sich herausgestellt, dass selbst 2.000 Jahre alte Schriftrollen wie zum Bespiel die des Propheten Jesaja, die in Höhlen am Toten Meer gefunden wurden, völlig identisch sind mit den heutigen. Im Christentum gibt es unzählige Übersetzungen, die zwar vom Sinn her gleich sein wollen, aber sich in Details unterscheiden und manchmal verschieden verstanden wird. Der über Jahrtausende überlieferte Texte der Tora geben Juden die Gewissheit, dass es sich um die originalen Texte handelt und sich keine Übersetzungs- oder Interpretationsfehler einschleichen können. Des Weiteren kann sich jeder Jude darauf verlassen, in jeder Schriftrolle und jeder gedruckten Version denselben Inhalt vorzufinden. Geschrieben ist sie auf Hebräisch, stets mit identischen Zeichen. Toraschreiber schreiben noch heute Torarollen von Hand, die komplett identisch sein muss mit allen anderen. Schreibfehler können passieren, sind dann aber auszubessern. In der Bibel steht, dass das Wort Gottes nicht verändert werden darf, weder weggelassen, noch hinzugefügt werden darf. Juden befolgen dieses seit Jahrtausenden.

Mehrere hundert Jahre alte Tora mit Torawimpel, Torazeiger und Torakrönchen. (© Matthias Hinrichsen)

Mehrere hundert Jahre alte Tora mit Torawimpel, Torazeiger und Torakrönchen. (© Matthias Hinrichsen)

Torarolle

Wenn von Tora die Rede ist, dann ist bei der Rollenform auch die Torarolle als Gesamtes gemeint. Bei der gedruckten Form ist auch das gesamte Buch gemeint und nicht die einzelnen Seiten. Der einzelne hat im Normalfall keine Torarolle zu Hause, weil sie sehr teuer ist. In der Torarolle wird im Gottesdienst in einer Synagoge gelesen. Die Form ist dann eher ein Gesang als ein Vorlesen, das nach einer bestimmten Kantillation (hebräisch טעמים Teamim) erfolgt. Die Lesungen erfolgen über ein jüdisches Kalenderjahr. Das letzte Kapitel im 5. Buch Mose und das erste Kapitel im 1. Buch Mose werden zusammen an Simchat Tora gelesen, der Feiertag nach Sukkot, dem Laubhüttenfest.

In einer jüdischen Gemeinde wird stets aus einer handgeschrieben Torarolle vorgelesen. Ausnahme ist, wenn die Gemeinde neu gegründet ist und noch nicht über eine sogenannte Sefertora verfügt. Diese wird komplett von Hand auf koscherem Pergament mit einem kosheren Federkiel aus Gänsefeder geschrieben. Der Sofer, wie der Toraschreiber bezeichnet wird, ist selbst ist ein Rabbiner mit einer speziellen Ausbildung zum Toraschreiber. Für das Schreiben einer kompletten Rolle von 304 805 Buchstaben oder 79 976 Wörtern oder 5844 Versen benötigt der Schreiber rund ein Jahr, daher der Preis von 30.000 bis 60.000 Euro pro Rolle. Es benötigt Ruhe und Gewissenhaftigkeit, die Tora fehlerfrei zu schreiben. Sollte dem Sofer ein Fehler unterlaufen, muss offiziell die Torarolle verworfen und eine neue begonnen werden. Aus jüdischen Quellen ist jedoch bekannt, dass das Pergament an der falsch beschriebenen Stelle mit einer Rasierklinge abgetragen und dann neu beschrieben wird. So haben technische Zeichner ihre Zeichnung früher ebenfalls korrigiert falls ihnen ein Fehler unterlaufen oder ein Strich zu lang geworden ist. Dazu wird eine technische Rasierklinge im rechten Winkel zum Transparentpapier vorsichtig über die Oberfläche schaben, dass die Tusche Zug um Zug abgehobelt wird und Pergamentwölkchen entstehen. Danach wird die Oberfläche leicht geglättet und kann erneut beschrieben werden. Tipp: In den Vier Sephardischen Synagogen in Jerusalem sind zwei Schreiber, denen man als Besucher bei ihrer Arbeit zusehen kann.

Die letzten Buchstaben einer Torarolle sind dem oder den Stiftern überlassen. Dazu kommen noch Gemeindemitglieder, die vom Rabbiner als würdig bestimmt werden, jeweils auch einen Buchstaben zu schreiben. Sie füllen die bereits mit einem Bleistift in den Umrissen vorgezeichneten Buchstaben unter Aufsicht des Sofers und des Gemeinderabbiners mit Tinte aus dem Federkiel des Sefers vorsichtig aus. Dabei blickt besonders der Sofer angespannt auf den Schreiber, dass er auf keinen Fall „sein“ Werk verunstaltet oder gar verpfuscht auf den letzten Zentimetern. Ist das überstanden, feiern alle Anwesenden die neue Sefertora mit Tanz, Gesang und einem reichhaltigen Buffet.

Tora – Übersetzung

Normalerweise muss jeder Hebräisch lernen oder lesen und sprechen können, um die Tora im Original lesen zu können. In jüdischen Gemeinden existieren jedoch Transliterationen, die es jedem ermöglicht, die Gebete mitzusprechen. Auf dem Markt befinden sich auch deutsche Übersetzungen, eine der bekanntesten ist die von Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808-1888).

Einweihung einer neuen Tora in einer jüdischen Gemeinde. (© Matthias Hinrichsen)

Einweihung einer neuen Tora in einer jüdischen Gemeinde. (© Matthias Hinrichsen)

Tora – in einem Jahr

Gläubige Juden lesen an jedem Tag einen Abschnitt der Tora, die so aufgeteilt sind, dass am Ende des jüdischen Jahres die komplette Tora gelesen wurde. An Rosh Hashana beginnt der Gläubige von vorne an zu lesen. Auf den ersten Blick erscheint es nicht sinnvoll, doch das Gegenteil ist der Fall. Im Laufe eines Jahres entwickelt sich die Persönlichkeit des Gläubigen weiter, und so versteht er manche Verse neu oder anders, je nach gewonnen Erfahrungswerten. Darüber hinaus erschließt sich durch ständiges Lesen manche Zusammenhänge, die ihm vorher nicht offenbar gewesen sind. Auch durch Austausch und Diskussion mit anderen Juden, wächst die Sicht und Interpretationsfähigkeit der Schrift.

Tora – Wissenswertes

Ursprünglich wurden die althebräischen Inhalte der Tora mündlich von zahlreichen Generationen überliefert, die ältesten sind 1500 v.d.Z. entstanden. Die heutige Tora resultiert aus vier verschiedenen Quellen: Jahwist (um 950 v. Chr. zur Zeit Salomos), Elohist (um 800 v. Chr., Zeit der Reichsteilung), Deuteronomium (7. Jahrhundert v. Chr.) und die die Priesterschrift (um 550 v. Chr., babylonisches Exil). Die griechische Übersetzung (Pentateuch) wurde etwa 440 v. Chr. verschriftlicht. Belegt ist, dass die Inhalte der Tora sich seit mindestens 2.000 Jahre nicht verändert haben.

Die kostbare Torarolle wird nicht nur wegen ihres materiellen hohen Wertes, sondern vor allem weil das darauf geschriebene Wort Gottes heilig ist, besonders sorgfältig behandelt. In der Synagoge ist sie, wenn nicht in ihr gelesen wird, in einen farbenprächtigen Toramantel gehüllt. Auf die oberen Enden der Torastäbe werden prachtvolle Rimonim gesteckt, das sind bekrönende Aufsätze. Vollständig ist die Rolle mit einem umgehängten Toraschild und die Mappa, ein Stoffband, das um den Mantel gewickelt wird. Zum Lesen wird die Tora ausgepackt und mit dem Torazeiger Wort für Wort gelesen. Bedingung aber ist, dass mindestens 10 jüdische Männer anwesend sind, was als Minjan bezeichnet wird. Ist das nicht der Fall, kann der Gottesdient nicht beginnen und fällt aus oder es wird so lange bis zehn religionsmündige Juden anwesend sind. Toralesungen finden nur an bestimmten Tagen statt: Montag, Donnerstag, Shabbatot und an Feiertagen. Sieht man Besucher in Jerusalem Juden im Kreis tanzen, handelt es sich auch immer mindestens um zehn Männer, um einen Minjan. Religionsmündig ist ein jüdischer Junge im Alter von 14 Jahren und wenn er in einer Bar-Mitzwa-Feier die Mündigkeit durch einen Rabbiner feierlich zugesprochen bekommen hat. Eindrucksvoll sind diese Feierlichkeiten an der Klagemauer mitzuerleben.

Zu Feiertagen kann man Rabbiner sehen, die aus Torarollen lesen oder sie tragen. Sie wird würdig an den Stäben in die Höhe gehalten, was ihren Wert für jüdische Gläubige widerspiegelt. Manche der Torarollen sind mehrere hundert Jahre alt und auch wenn sie zerfallen, werden sie nicht einfach entsorgt. Genau wie die Zettel mit Gebeten, die in den Ritzen der Klagemauer stecken, ist für Juden alles, wo das Wort Gottes enthalten ist, heilig. Das verbietet ein simples Entsorgen. Die alten Torarollen und Torabücher werden in einer Geniza, ein Gefäß zu Aufbewahrung jüdischer liturgischer Schriften, so lange bewahrt bis sie auf einem jüdischen Friedhof begraben werden. Die älteste existierende Torarolle wurde geschätzt im 12. oder 13. Jahrhundert geschrieben und befindet sich heute in der Universitätsbibliothek von Bologna.

* Die Tora in Buchform wird als Chumasch bezeichnet, weist einen Kommentar und die Übersetzung in der jeweiligen Landessprache dar. Während Torarollen auf Pergament (Tierhaut) geschrieben sind und aus langlebigem organischen Material sind, weisen heutige Bücher säurehaltiges Papier auf, das sich nach 100 bis 200 Jahren zersetzt. Bücherseiten im Mittelalter wurden aus textilen Fasern gewonnen und unterliegen wie Papyrus und Pergament nicht der Zersetzung. Hier ist eher eine Abnutzung zu verzeichnen, wenn eine mechanische Einwirkung auftritt. Dementsprechend sorgsam gehen alle Benutzer der Torarolle sorgfältig mit ihr um.

Der Toraschrein heißt auf Hebräisch Aron haKodesch. Er ist mit einer Tür und einem Vorhang (Parochet) verschlossen. Seit 1815 ist die Tora etwa 2,5 Milliarden Mal gedruckt worden. Das ist besonders bemerkenswert, da weltweit aktuell nur rund 15 Millionen Jüdinnen und Juden leben. Das wären 166 Tora pro jüdischen Menschen, rechnet man die letzten 200 Jahre mit neun Generationen, sind es immer noch gut 18 Tora pro Kopf.

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