Die Waben- oder auch Bienenhäuser in Jerusalem

Die Waben- oder auch Bienenhäuser von Jerusalem. (© Matthias Hinrichsen)

Es ist eine Gegend im Nordwesten Ostjerusalems, in die sich Touristen niemals verirren und Tourguides keine Gäste hinführen. Eigentlich sollte er ein architektonisches Aushängeschild werden, das ab 1972 unter der Schirmherrschaft des Amtes für Bauen und Wohnen etappenweise errichtet worden war: Der Ramot-Polin-Komplex, auch bezeichnet als die Wabenhäuser oder Honigbienenhaus. Geplant war ein avantgardistisches Sozialwohnungsprojekt für die ultraorthodoxe Bevölkerung, so kurz nach dem Sechstagekrieg von 1967 als viele Juden ins Land kamen. Heraus kamen 720 Wohneinheiten unterschiedlicher Größe, ein neuzeitlicher Plattenbau am Rande der Hauptstadt. Später wurden die Wohnungen erweitert, wobei fünfeckige Bauteile das Erscheinungsbild auch heute noch markant bestimmen, errichtet von der Kollel Polin aus Polen. Der Ramot-Polin-Komplex wurde zu einem der „seltsamsten Gebäude der Welt“ gekürt. 

Schrägen Außenwände an den Bienenhäusern.

Fast nur Schrägen an den Außenwänden bei den Wabenhäusern. (© Matthias Hinrichsen)

Fragt man Bewohner über den Wohnkomfort, schütteln sie nur mit dem Kopf. Schräge Wände, an denen man nichts aufhängen kann, geschweige denn Möbel sinnvoll und platzsparend platzieren. Es war ein architektonisches Experiment für orthodoxe Familien mit mittlerem Einkommen. Die Innenräume sind maximal unpraktisch, es gibt große Bereiche unbrauchbarer Wände und schrecklich engen Balkonen. Die Fenster sind so konstruiert, dass Kinder leicht herausfallen können, der natürliche Lichteinfall wird durch diese Konstruktion erheblich reduziert.

Der Wohnkomplex wird allgemein als Honigbienen-Haus bezeichnet, aber Bienenwaben sind sechseckig und weitaus nutzbarer. Der in Polen geborene Architekt Zvi Hecker entwarf diese Häuser, die von außen merkwürdig, lustig, seltsam, aber auch angenehm anders wirken als der kubische Einheitsarchitekturbrei. Dieser animierte Hecker, ein 3D-System von Dodekaedern (Außenwände aus 12 fünfeckigen Flächen) zu konstruieren und so einen schnell zu bauenden Wohnkomplex zu errichten, weil dringend Wohnraum benötigt wurde. Aus der Ferne betrachtet, konnte man meinen, einen überdimensionalen Bienenstock oder eine kristalline Felsformation erkennen zu können.

Klar ist, dass die Form nicht in die Umgebung passt, weder von der äußeren Form, noch von den außen verwendeten Materialien. Manche sagen, es sei nicht innovativ gewesen, sondern nur billig. Hecker warb mit den niedrigen Baukosten, die Bewohner kritisieren seine geringe Qualität. Klar ist, dass sich der Architekt nicht um die Bedürfnisse der künftigen Bewohner und deren Umgebung sorgte, sondern das „Honey Comb Hive House“ einzig nach seinen eigenen Vorstellungen konzipierte, um den bewährten Formen zu entfliehen.  Hecker entwarf einige andere Gebäude, unter anderem auch das Spiral Apartment House in Ramat Gan.

Keine Regale an den schiefen Außenwänden.

An den schiefen Außenwänden kann man keine Regale aufhängen. (© Matthias Hinrichsen)

Die wirtschaftlichen Bedingungen Israels veränderten sich zum Besseren, billige Arbeitskräfte überschwemmten regelrecht das Land, sodass das Wohnungsbauministerium erkannte, dass der durch Hecker betriebene Billig-Industriebau seinen wirtschaftlichen Reiz verlor.  Die weiteren Gebäude in dem Stadtteil wurden nach traditionellen Methoden errichtet, und nach zehn Jahren war der Stadteil komplett bebaut.

Im Laufe der Jahrzehnte erfuhr dieses unglückliche Konstrukt immer wieder bauliche Veränderungen, als wollten die Verantwortlichen und Bewohner die Fünfecke eliminieren oder zumindest etwas egalisieren. Anbauten von Zimmern und Veranden wurden laienhaft hinzugefügt, irgendwann auch außen liegende Klimageräte, die ohnehin jede Architektur verschandeln. Heute ist der ursprüngliche Charakter nahezu verloren gegangen und keines der Gebäude des Komplexes befindet sich noch im Originalzustand.

Der Architekt und Historiker David Kroyanker kritisiert die Stadtverwaltung Jerusalem für ihre Nachlässigkeit in Bezug auf Erhaltung dieser Gebäude. Sie seien eine einzigartige Architektur und erhaltenswert. Über die Bauabteilung der Stadt sagt er: „Dort herrscht absolute Planungsanarchie. Aus Sicht der Stadt ist es exterritorial. Niemand kümmert sich um die Durchsetzung der Baugesetze.“ Andere wiederum sehen in den baulichen „Ergänzungen“ ein „faszinierendes Phänomen der zeitgenössischen israelischen Architektur“.

Das Viertel war einer der Stars der israelischen Ausstellung „Additions: architecture over time“ auf der Architekturbiennale in Venedig im Jahr 2008. Die Kuratoren der Ausstellung, Nitzan Kalush Chechik und Michal Cedarbaum, sagten damals, dass sich solche Gebäudezusätze besonders wahrscheinlich entwickeln werden vor einem bestimmten politischen, sozialen, wirtschaftlichen oder architektonischen Hintergrund. Dann „übernehmen Anbauten die Landschaft und der ursprüngliche Charakter von Gebäuden verschwindet.“

Nichtsdestotrotz beschloss die Jerusalemer Stadtverwaltung, das Objekt nicht zu erhalten. Nach deren Angaben würden nur Gebäude, die vor der Staatsgründung Israels gebaut worden sind, erhalten werden können. Der Gebäudekomplex wird wohl ein ewiges und ungeliebtes Streitobjekt bleiben, vor allem in Zeiten, in denen Wohnraum knapp ist und die Mieten in Israel unaufhörlich steigen. Zudem wächst die Bevölkerung Israels ständig, und das Land nähert sich der Zehn-Millionen-Marke.

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