Eingang zum Gartengrab, Jerusalem

Der Eingang zum Gartengrab, das fälschlicherweise von einem Wissenschaftler als Grab Jesu bezeichnet wurde. (© Matthias Hinrichsen)

Dieser als „Gartengrab“ bezeichnete Ort mit einem in den Fels gehauenen Grab unweit vom Damaskustor wurde 1847 von dem deutschen Gelehrten Otto Thenius als das Grab von Jesus „vorgeschlagen“, weil die seitlich darüber befindliche Gesteinsformation an einen Schädel erinnert. Da Golgatha mit Schädelstätte übersetzt wird, „musste“ nach Thenius‘ Vorstellung dieses Jesu Grab sein. Im Jahr 1867 wurde dieses Grab entdeckt und der Engländer Charles Gordon behauptete 1883, dieses als authentisches Grab Jesu identifiziert zu haben. Zwei weitere Forscher meinten dieses übrigens auch schon 1870/71, auch wenn das Grab erst 1891 ausgegraben wurde. Es ging seinerzeit auch um Forscher-Profilierung, gleich ob die Fakten ausführlich geprüft worden waren oder zur Verfügung standen. 

Nische Gartengrab, Jerusalem

Diese Nische soll das vermeintliche Grab gewesen sein. (© Matthias Hinrichsen)

Gartengrab – nicht Jesu Grab

Dass diese Annahme nicht haltbar war und ist, zeigten Wissenschaftler bereits mehrfach auf, doch leider hält sich diese Behauptung unter einigen Christen bis heute. Dazu trägt sicher auch die Bezeichnung Gartengrab sowie die leicht idyllische Ausgestaltung bei. Auf der Internetseite gardentomb.com werden merkwürdigerweise die vorgenannten Fakten nicht nur verschwiegen, sondern der Mythos, dass es sich im Jesu Grab handeln könnte unverbrämt befeuert.

Nach heutigen – mehrfach belegten – wissenschaftlichen Erkenntnissen ist die Grabeskirche eindeutig der Ort der Kreuzigung. Bargil Pixner, ein Benediktinermönch und Hobbyarchäologe, kam zu folgendem Schluss: „Das sogenannte Gartengrab an der Nablus Road nördlich des Damaskustores ist zwar ein attraktiver Platz für Meditation und Gebet, aber aus archäologischen und historischen Gründen als Stätte der Kreuzigung und des Begräbnisses Jesu indiskutabel.*“ Auf der Internetseite gardentomb.com verschweigt der Direktor Stephen Bridge merkwürdigerweise die vorgenannten Fakten nicht nur, sondern der Mythos, dass es sich im Jesu Grab handeln könnte unverbrämt befeuert: „a possible location for the crucifixion, burial and resurrection of Christ Jesus“, übersetzt dass es sich um einen möglichen Ort der Kreuzigung, Beerdigung und Auferstehung Jesu Christi handelt.

In der Bibel heißt es, dass Jesus zur Kreuzigung aus der Stadt hinaus geführt wurde. Die Grabeskirche liegt nach letzten Erkenntnissen vor 2.000 Jahren außerhalb der Jerusalemer Stadtmauer, was archäologisch belegt ist. Nicht zuletzt durch Ausgrabungen unterhalb der Erlöserkirche, wo Reste der ehemaligen Stadtmauer gefunden worden sind. Sämtliche Gräber auf dem Gelände des Gartengrab sind zwischen dem 7. bis 9. Jahrhundert v. Chr. entstanden, also zu Zeiten der Propheten Jesaja und Jeremia.

Insofern ist das Auftreten der Betreiber unseriös, hier von einem möglichen Ort der Kreuzigung Jesu zu schreiben. Vielleicht fühlen sie sich dem Engländer Charles Gordon verschrieben, der auf genau diese obskure Art und Weise etwas behauptete, was schlichtweg falsch war. Möglicherweise wird auch um Besucher gebangt, die zahlreich jedes Jahr Geld in die Eintrittskasse und den angrenzenden Souvenir-Shop bringen. Nicht zuletzt viele evangelikale US-Amerikaner sind blauäugig und glauben alles, was man ihnen vorsetzt völlig unreflektiert. Es ist auf der Internetseite vom Gartengrab als christliche Stätte die Rede. Faktisch gesehen handelt es sich um eine Gartenanlage im arabischen Teil Jerusalem und in Fels geschlagene Höhlen. Dort wurden keine Überreste aus christlicher und auch nicht aus jüdischer Zeit gefunden. Von daher ist die Aussage, dass es sich um eine christlichen Stätte handele, falsch. Es kann als Ort angesehen werden, an dem viele Christen sind, aber es ist so noch lange keine christliche Stätte wie die Grabeskirche, den Teich Bethesda oder all die Kirchen auf dem Ölberg.

Das Gartengrab ist beliebt bei Pilgergruppen.

Das Gartengrab ist beliebt bei amerikanischen Pilgergruppen. (© Matthias Hinrichsen)

Grabeskirche – der wahrscheinlichste Ort der Kreuzigung

Sicher kann man heute nicht mehr sagen, wo Jesus gekreuzigt worden ist. Archäologen und Gelehrte können jedoch anhand von Ausgrabungen und Studium der alten Texte sowie der Bibel die Gegebenheiten von vor 2.000 Jahren relativ wahrscheinlich – manchmal auch per Ausschlussverfahren – Orte bestimmen und sie gewissen biblischen Handlungen zuordnen. Professor, Dr. Dr. Dieter Viewegger, Chefarchäologe und Theologe, tätig beim Deutschen Evangelischen Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem, ist da ganz klar in seiner Aussage.

Er relativiert die Zuordnungen völlig realistisch und sagt, dass die aller wenigsten Orte überhaupt exakt der Bibel zuordnen könne. Bei Ausgrabungen würden Überreste aus den jeweiligen Epochen entdeckt und mit anderen Funden aus ähnlichen Perioden verglichen. Er hält den Ort der Grabeskirche, und da sind sich die meisten Forscher einig, als den wahrscheinlichsten Ort der Kreuzigung und Wiederauferstehung. Das Gartengrab sei für ihn keinesfalls das Grab, in das Jesus Leichnam gelegt worden ist, weil die Fakten gänzlich dagegen sprächen.

Die Grabeskirche, auch als Kirche vom Heiligen Grab bezeichnet, liegt in der Altstadt Jerusalems und wird von orthodoxen Christen auch als Auferstehungskirche (Anastasis) bezeichnet. An dieser Stelle soll Überlieferungen zufolge die Kreuzigung Jesus stattgefunden haben und sich auch dessen Grab befinden. Die Kirche ist der Sitz des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Jerusalem und des katholischen Erzpriesters der Basilika des heiligen Grabes. Sie ist wie die Geburtskirche in Bethlehem, dem Ölberg und dem Berg der Seligpreisungen für religiöse Christen von großer Bedeutung.

Ist es wirklich ein Grab aus Jesu Zeit in der Grabeskirche?

Veränderungen in der Grabeskirche sind normalerweise unmöglich, geschweige denn Forschungen. Irgendeine der anwesenden Kirchen ist immer gegen die Vorschläge der anderen. Umso erstaunlicher war es, als Forscher die eigentliche Grabstelle in der Grabeskapelle im Oktober 2016 öffnen durften. Die Ädikula, wie die Grabeskapelle bezeichnet wird, musste dringend restauriert werden, weil sie einzustürzen drohte. In diesem Rahmen stimmten die Priester zu, die Grabplatte anzuheben und Proben der darunter liegenden unbekannten Materialien zu entnehmen, um sie zu datieren.

60 Stunden konnten die Forscher die Grabstelle untersuchen und Proben entnehmen. Die Grabanlage war nach Angaben von „National Geographic“ seit mindestens 1555 nicht mehr abgedeckt worden. Unter der Deckplatten aus Marmor lag reichlich Füllmaterial. Nach zwei Tagen Arbeit kam ein weitere Marmorplatte mit eingraviertem Kreuz zum Vorschein. Der auch vorhandene Kalkstein weist auf ein ein ehemaliges Grab hin, über den Jahrhunderte spekuliert wurde, so die Forscher. Sicher ist, dass das Grab über Jahrhunderte unberührt gewesen sei. Eine verlässliche Auskunft darüber, dass es das Grab Jesu ist, konnten die Forscher nicht bestätigen.

Sechs christliche Konfessionen sind für die Verwaltung zuständig. Hauptsächlich wird das Heiligtum von der Griechisch-Orthodoxen, der Römisch-Katholischen (Franziskaner) und der Armenisch-Apostolischen Kirche verwaltet; dazu kamen im 19. Jahrhundert die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien, die Kopten und die Äthiopisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche. Dementsprechend unterschiedlich ist die Gewichtung bei Aufgaben und Schreinen innerhalb des Gotteshauses. Die äthiopischen Christen leben als kleine Gruppe auf einem der Kirchendächer.

Penibel genau geregelt sind auch die Gebetszeiten. Darauf achten gleichermaßen alle konfessionellen Vertreter. So kann es durchaus auch zu Meinungsverschiedenheiten kommen, die nicht selten zu Handgreiflichkeiten führen, was dann weniger christlich ist. Am kritischsten wird die festgelegte Aufteilung an Ostern, wenn alle die Auferstehung feiern wollen. Als sichtbares Beispiel des Beharrens ist über dem Haupteingang eine Holzleiter, die seit dem 19. Jahrhundert dort steht. Sie diente den Mönchen zum Einstieg, wenn wie Eingangstüren behördlich geschlossen waren. Da nicht geregelt ist, wer diese Leiter entfernen darf, steht sie bis heute dort.

Moslems im christlichen Heiligtum?

Zwei moslemische Familien sind seit Jahrhunderten, mindestens seit dem 12. Jahrhundert,  in Diensten dieser christlichen Stätte. Die Familie Joudeh verwaltet die Schlüssel der Kirche und Familie Nusseibeh verschließt und öffnet die Haupttür. Daneben traten die Familienmitglieder als Schlichter bei Streitigkeiten auf, die auch Grund für die Schlüsselübertragung waren. Um 21.00 Uhr verlassen die letzten Besucher das Gotteshaus. Dann folgt durch ein Mitglied der moslemischen Familie ein kurzes, ungewöhnliches Schließungsritual und die Leiter wird durch eine Luke in die Kirche hinein geschoben.

Nachts in der Grabeskirche

Während der Nacht herrscht jedoch keine Ruhe innerhalb der Mauern, sondern es werden sämtliche religiösen Rituale innerhalb des Gebäudes auch des Nachts durchgeführt. Besucher haben die Möglichkeit, dieses selbst mitzuerleben und können die Nacht in der ältesten Kirche Jerusalems verweilen – allerdings ohne Schlafplatz.

Gartengrab – trotzdem ein lohnender Besuch

Ein Besuch zum Gartengrab lohnt sich dennoch, denn der weitläufige Garten ist die wahre Attraktion. Kleine Wege schlängeln sich durch eine scheinbar immergrüne Pflanzenpracht, Bänke und kleine Plätze mit Bestuhlung laden Einzelbesucher und Gruppen zum Pausieren und Beten ein. Auch wenn sich der Ort im lebhaften arabischen Teil Jerusalems befindet, der Garten ist eine Oase der Ruhe.

Besonders an den Osterfeiertagen platzt der Garten aus allen Nähten, wenn amerikanische Pilgergruppen hier Gottesdienste feiern. Diese Zeit ist der Garten zu meiden, da allzu viele der US-Evangelikalen unreflektiert immer noch meinen, dass Jesus genau hier auferstanden ist. In der restlichen Zeit des Jahres kann man hier sehr gut verweilen, abseits der tösenden Altstadt und des lauten arabischen Ost-Jerusalems.

* Quelle: Bargil Pixner: Wege des Messias und Stätten der Urkirche, Gießen und Basel 1991, S. 275–280. Zitat: S. 275

Besucherinformationen

Gartengrab

Derech Shchem, Jerusalem (arab. Teil)
Öffnungszeiten: Montag-Samstag 8.30-12.00 und 14.00-17.30 Uhr, Sonntag geschlossen außer für den Gottesdienst um 9.00 Uhr
Eintrittsgebühr: ja (während der Corona-Pandemie kostenlos)

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