Interview: Der Hula-Frosch und seine wahre Geschichte
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Interview: Der Hula-Frosch und seine wahre Geschichte

Yoram Malka, der Entdecker des als ausgestorben geltenden Hula-Frosches. (© INPA - Israeli Nature and Parks Authority)

Yoram Malka, der Entdecker des als ausgestorben geltenden Hula-Frosches. (© INPA – Israeli Nature and Parks Authority)

RAMOT NAFTALI (im) – Israelische Biologen warten mit einer Wissenschafts-Sensation auf: Im November entdeckte ein Ranger im Hula-Naturpark im Norden des Landes eine längst ausgestorben geglaubte Tierart: Den “Hula-Painted Frog”, auf lateinisch Discoglossus nigriventer – auf deutsch „Palästinensischer Scheibenzüngler“ (!) oder auch Hula-Scheibenzüngler. Der kleine Frosch lebte ausschließlich in den Sümpfen und Marschen des von den Golan-Höhen im Osten und den Galilää-Bergen im Westen begrenzten Hula-Tals und war zuletzt vor mehr als einem halben Jahrhundert gesehen worden, vor der Zerstörung des Hula-Sumpfes.

Das einst wichtigste Feuchtgebiet des Nahen Ostens war in den 50er Jahren zur Gewinnung von Ackerland für den aufstrebenden jüdischen Staat und zur Bekämpfung der grassierenden Malaria trockengelegt worden. 1996 erklärte die Internationale Naturschutzunion IUCN die kleine, oberseits ocker und rostrot und unterseits auffällig weiß gepunktete Amphibie für ausgestorben. Die Wiederentdeckung einer als ausgestorben erachteten Tierart ist ein extrem seltenes Ereignis und unterstreicht die herausragende Bedeutung des Hula-Tals bis in die Gegenwart. Es belohnt zudem die unverdrossene Arbeit der Naturschützer vor Ort.

Wir sprachen darüber mit Yifat Artzi, Biologin der israelischen Naturparkbehörde im Hula-Schutzgebiet.

IsraelMagazin: Haben Sie heute schon einen der ausgestorben geglaubten Hula-Frösche gesehen?

Yifat Artzi: Nein, obwohl es heute geregnet hat und ich diesen günstigen Umstand zur Suche genutzt habe, Fehlanzeige. Ich glaube, mir fehlen die scharfen Augen, um die gut getarnten Frösche zu entdecken.

IM: Wer hat denn den sensationellen Fund vor drei Wochen gemacht und wie kam es dazu?

Yifat Artzi: Der Glückspilz heißt Yoram Malka (Foto) und ist unser Ranger im Hula-Naturreservat. Er war eigentlich unterwegs, um für ein Forschungsprojekt nach beringten Pelikanen zu suchen, als ein irgendwie merkwürdig aussehender Frosch vor ihm auf den Weg hüpfte. Er griff ihn sich und war sicher, dass er so einen noch nie gesehen hatte. Er nahm den Frosch mit und in unserem Büro schlug er in Büchern nach, und siehe da: Er hielt den „ausgestorbenen“ Hula-Frosch in Händen. Sofort rief er mich an und ich eilte ins Büro. Es war unfassbar, als ich ihn dort sah. Wir alarmierten den Amphibien-Spezialisten der Tel Aviver Universität, Dr. Sarig Gafni, und er bestätigte noch am Nachmittag unsere Diagnose: Discoglossus nigriventer ist nicht ausgestorben, wir hielten ihn in der Hand!

IM: Was haben Sie dann mit dem Frosch angestellt?

Yifat Artzi: Die Gerüchte über unseren Fund verbreiteten sich ungeheuer schnell. Viele Menschen wollten kommen, um den Frosch mit eigenen Augen zu sehen. Sie müssen wissen, der Hula-Frosch ist über die Jahre so etwas wie ein Symbol für die großen Verluste an Natur geworden, die die Trockenlegung des Hula-Sumpfes mit sich brachte, den mittlerweile viele Menschen im Land bereuen.
Gafni kam nochmals, vermaß das Tier und nahm DNA-Proben. Auch einen wissenschaftlichen Fotografen der Uni haben wir kommen lassen. Wir wollten das Wunder sauber dokumentieren – und es selbst immer wieder begreifen. Drei Tage lang stand der Frosch hier in meinem Büro, dann hat Yoram ihn genau dort wieder ausgesetzt, wo er ihn gefunden hatte.

Doch nicht weg! Der erste wiederentdeckte Hula-Frosch nach mehr als einem halben Jahrhundert. (© Yossi Eshbol)

Doch nicht weg! Der erste wiederentdeckte Hula-Frosch nach mehr als einem halben Jahrhundert. (© Yossi Eshbol)

IM: Mittlerweile wurde ein zweiter Frosch gefunden …

Yifat Artzi: Yoram hat sogar bei systematischer Nachsuche unter der dichten Vegetation in den Folgetagen zwei weitere Frösche im gleichen Gebiet gefunden. Und ich kann hier bekanntgeben: Mittlerweile haben wir drei weitere Frösche gefunden. Damit können wir mit Bestimmtheit sagen: Es gibt ein richtiges Vorkommen in unserem Naturschutzgebiet.

IM: Hatten Sie in all den Jahren, seit die Internationale Naturschutzunion IUCN die Art 1996 für ausgestorben erklärt hat, die heimliche Hoffnung, dass es den Frosch doch noch gibt?

Yifat Artzi: Ehrlich gesagt, nein. Dieser Fall zeigt mir, dass es doch noch Wunder gibt, sogar in der Naturschutzarbeit.

IM: Gab es denn systematische wissenschaftliche Suchaktionen in der Vergangenheit?

Yifat Artzi: Es gab mehrere Kartierungen der wasserbewohnenden Tiere und Pflanzen in den vergangenen Jahren, nicht speziell nur wegen des Frosches. Die verschiedenen Lebensräume unseres Naturreservats werden systematisch viermal pro Jahr untersucht, aber bislang gab es keinen einzigen Hinweis auf den Frosch.

IM: Wie bewerten Sie den Fund. Als Zeichen dafür, dass sich die ökologische Qualität des Gebietes durch die Arbeit der Naturschutzbehörde so stark gebessert hat oder war es einfach voreilig, die Art für ausgestorben zu erklären?

Yifat Artzi: Seit ungefähr einem Jahrzehnt arbeiten wir an der Verbesserung der Qualität unseres Reservats als Feuchtgebiet, vor allem versuchen wir, mehr und saubereres Wasser hineinzupumpen. Israel ist ein sehr trockenes Land, große Teile sind Wüste. Da ist es nicht immer einfach, alle zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, das wertvolle Wasser für den Naturschutz vermeintlich zu verschwenden. Aber der Frosch-Fund zeigt: Wir sind auf dem richtigen Weg.

IM: Weckt die Entdeckung des Frosches die Hoffnung, weitere als ausgestorben erachtete Arten zu finden?

Yifat Artzi: Ich glaube persönlich, dass es noch ein kleines Vorkommen an einem kleinen Zufluss zu unserem See gibt. Und dort rechne ich mir nun auch Chancen aus, möglicherweise zwei als ausgestorben betrachteten Fischarten zu finden.

Auch der Seeadler brütete dieses Jahr erstmals wieder  erfolgreich seit mehr als einem halben Jahrhundert im Hula-Tal. (© Thomas Krumenacker)

Auch der Seeadler brütete dieses Jahr erstmals wieder erfolgreich seit mehr als einem halben Jahrhundert im Hula-Tal. (© Thomas Krumenacker)

IM: Positive Nachrichten gibt es auch von einer anderen durch die Trockenlegung des Sumpfes in Israel ausgestorbene Tierart, den Seeadler.

Yifat Artzi: Ja, auch wenn er nicht von alleine zurückgekehrt ist oder heimlich überlebt hat. Seit drei Jahrzehnten gibt es den Versuch, diesen stolzen Vogel wiederanzusiedeln. Dazu haben wir Zuchttiere aus europäischen Zoos ausgewildert. In diesem Jahr haben erstmals Vögel aus diesem Programm wieder in freier Wildbahn gebrütet, auch hier im Naturreservat. Das Elternpaar bestand sogar aus drei Vögeln, einem Weibchen und zwei Männchen. Alle drei haben sich an der Jungenfütterung beteiligt und sich toll um die Kleinen gekümmert. Leider starben beide Junge an einer von Fliegen übertragenen Infektion. Wir hoffen, dass sie im nächsten Jahr wirklich erfolgreich brüten. Zumindest beweist die Brut, dass wir es geschafft haben, auch für diese Großvogelart wieder attraktive Lebensräume zu schaffen.

(Interview: Thomas Krumenacker – www.krumenacker.de)

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