20.09./02:25 Ein bißchen meschugge?

Geschichten von der Klagemauer (Erstsendung: 28.03.2010) ARD/SWR
Film von Uri Schneider
Reportage – Gesellschaft: Religion, Kirche

Hätte er einen roten Mantel, sähe er mit seinem weißen Rauschebart und seinem kugelrunden Bauch eher aus wie der Weihnachtsmann. Doch Mordechai Halevy nennt sich selbst stolz den „Klagemauermann“. Gute 70 Jahre ist er vermutlich alt, behauptet selbst aber, er sei „so um die 60“ und pilgert seit 35 Jahren jeden Tag an die Klagemauer, egal ob in der brütenden Sommerhitze, ob bei Regen oder Schnee.

Die Klagemauer, die letzte noch stehende Wand des vor 2.000 Jahren zerstörten jüdischen Tempels, ist für viele Juden der Ort, an dem Gott wohnt. Sein Briefkasten quillt über, denn täglich stecken Gläubige Hunderte von handgeschriebenen Bitten und Gebeten in die Mauerritzen. Manche schicken sogar Briefe an Gott, postlagernd an die Klagemauer. Diese landen in einem Jerusalemer Postamt und werden zweimal im Jahr zur Klagemauer gebracht. Für manch einen ist die Klagemauer auch der Arbeitsplatz.

Der amerikanische Rabbiner Jay Karzen lebt in Jerusalem und feiert gegen Honorar Bar-Mitzwas an der Klagemauer, so etwas wie jüdische Konfirmationsfeiern. Seine Kunden kommen aus aller Welt. Es sind so viele, dass ihn die Tageszeitung „Jerusalem Post“ unlängst zum „Bar-Mitzwa-König“ ernannt hat. Rabbiner Karzen zahlt mit religiösem Rummel an der Klagemauer seine Miete. Andere haben weniger irdische Motive, versuchen sich einen besseren Platz im Himmel zu sichern, oder sie bauen gleich handfest am „dritten Tempel“, in den später der Messias einziehen soll.

Uri Schneider, israelischer Filmautor mit deutschen Wurzeln, hat das Leben an einer der heiligsten Stätten der Welt festgehalten.